Pünktlich um neun Uhr klingelt Leo bei seiner Mutter .
„ Guten Morgen , mein Junge ! Komm rein .“
Leo stellt seinen Koffer in den Flur und hängt seinen Mantel an die Garderobe .
Die Mutter hat den Tisch im Wohnzimmer gedeckt . Das gibt es nur bei besonderen Anlässen . Die Mutter gießt Kaffee ein .
„ Das war ein schönes Fest ! Ich glaube , den anderen hat es auch gefallen .“
„ Kurt besucht mich bald in der Stadt .“
„ Wirklich ? Das freut mich !“
„ Vielleicht . Aber es ist gut , wenn Kurt dich zuerst besucht . Er braucht Tapetenwechsel .“
„ Warum lachst du ? Ich meine das ernst !“
„ Das Gleiche habe ich ihm gestern Nacht auch gesagt !“
„ Tja , der Apfel fällt nicht weit vom Stamm !“
„ In einer halben Stunde . Ich muss langsam los .“
„ Dann beeil dich ! Der Weg zum Bahnhof ist weit !“
„ Nein , Mutter , keine zehn Minuten . Wir haben noch Zeit .“
„ Willst du dir ein bisschen Proviant mitnehmen ? Brote , einen Apfel ?“
„ Nein , Mama , ich habe gut gefrühstückt !“
„ Mama hast du schon lange nicht mehr zu mir gesagt .“
„ Wir sind auf einem guten Weg ! Ich habe mich sehr gefreut , dass du gekommen bist . Du weißt , mein Haus steht dir immer offen , und ich wünsche mir , dass das nicht dein letzter Besuch war , bevor ...“
Leo hat einen dicken Kloß im Hals . Er kann kaum sprechen . Seine Augen füllen sich mit Tränen .
„ Ich besuche dich bald wieder , Mama , und ich ruf dich jede Woche an .“
„ Versprechen muss man halten , Leo . Schreib mir einfach mal eine E-Mail . Hier ist meine Adresse .“
„ Du hast eine E-Mail-Adresse ? Auch einen Computer ?“
„ Seit vielen Jahren . Weißt du , wir Alten sind zwar nicht mehr so beweglich , aber im Internet sind wir genauso schnell wie die Jungen . Diese neumodischen Sachen sind perfekt für uns ! – Und jetzt beeil dich !“
„ Sehr verehrte Fahrgäste ...“
Leo wacht auf . Er hat geschlafen !
Er hört den Rest der Lautsprecher-Durchsage :
„ Was ? Schon da ? Das ging aber schnell “, murmelt Leo .
Leo zieht seinen Mantel an , nimmt den Koffer und steigt aus . Langsam geht er den Bahnsteig entlang .
Vor dem Bahnhof bleibt er stehen .
„ Braucht der Herr ein Taxi ?“
„ Nein , danke ! Ich nehme den Bus .“
Leo antwortet mechanisch . Aber die Stimme kommt ihm bekannt vor . Er dreht sich um .
„ Paco ! Was machst du denn hier ?“
„ Ich hole dich ab . Alle warten schon !“
„ Na , wir alle ! Anna und Benno machen ein Begrüßungsessen für dich .“
„ Und woher wisst ihr , dass ich mit diesem Zug komme ?“
„ Großes Geheimnis ! Aber Klaus hat so seine Informanten , besser gesagt , seine Informantinnen “, lacht Paco .
„ Komm , gib mir deinen Koffer !“
Der legt den Koffer ins Auto und hält Leo elegant die Autotür auf .
„ Por favor ! Bitteschön , der Herr !“
Leo steigt noch nicht ein .
„ Paco , wer ist ‚ wir alle ‘?“
„ Ja , einfach wir alle ! Deine Familie !“
Leo spürt wieder den Kloß im Hals .
Aber Paco hat keine Zeit für Sentimentalitäten :
„ Komm jetzt , sonst wird das Essen kalt !“